Warum Big-Bang-ERP-Projekte scheitern – und weshalb Unternehmen mit gewachsenen IT-Landschaften einen völlig anderen Ansatz brauchen
Der Wechsel eines ERP-Systems ist einer der heikelsten Eingriffe in die technische Infrastruktur eines Unternehmens. Für Organisationen mit gewachsenen Prozessen, Sonderlogiken, Excel-Abhängigkeiten und begrenzten IT-Ressourcen birgt er erhebliche Risiken. Viele ERP-Anbieter empfehlen dennoch den Big-Bang-Ansatz: Alles wird an einem einzigen Stichtag umgestellt – ein Moment, der über Stillstand oder Weiterbetrieb entscheidet.
Doch gerade im Mittelstand gilt: Ein Big Bang ist nicht nur riskant – er ist methodisch oft ungeeignet.
Der Grund: Reale Prozesse sind nicht linear, Excel erfüllt ungeplante Funktionen, Schattenprozesse existieren unbemerkt, Mitarbeitende arbeiten in gewachsenen Mustern.
Dieser Beitrag zeigt, warum Big-Bang-ERP-Projekte unter diesen Bedingungen scheitern – und welcher Ansatz moderner und sicherer ist.
Problemdefinition – Die drei zentralen Denkfehler des Big-Bang-Ansatzes
Denkfehler 1 – Der Stichtag erzeugt Klarheit
Der Mythos lautet: „Ein klarer Go-Live-Termin bringt Ordnung.“
Die Realität: Er erzeugt Druck und lässt Komplexität unter den Tisch fallen.
Unternehmensprozesse sind oft nicht stabil oder dokumentiert – und Sonderprozesse machen den Großteil der Wertschöpfung aus. Im Big-Bang-Ansatz werden sie zu wenig verstanden, getestet oder abgestimmt.
Folge: Fehler im Live-Betrieb, Nacharbeiten, Stress – im Extremfall Stillstand.
Ein Stichtag sorgt also nicht für Klarheit, sondern bündelt Unsicherheit in einem kritischen Moment.
Denkfehler 2 – Standardprozesse reichen aus
Unternehmen mit Excel, Access, Sondertools und manuellen Schnittstellen besitzen keine Standardlandschaft.
Ihre Abläufe leben von Varianten, Sonderlogiken und Ausnahmen.
Problem: Ein ERP, das versucht, alles in starre Ketten zu pressen, erzeugt:
Workarounds
neue Excel-Listen
Missverständnisse zwischen IT und Fachbereichen
Die sanfte Migration fragt dagegen:
„Wie funktioniert das Unternehmen tatsächlich?“
Denkfehler 3 – Alle Risiken lassen sich im Vorfeld lösen
Big-Bang-Projekte bauen auf der Annahme auf, dass alles vor dem Go-Live geklärt sein muss – Prozesse, Daten, Rollen, Integrationen.
Doch viele Unternehmen verstehen ihre Abläufe erst, wenn sie diese visualisieren oder im PoC mit Echtdaten erleben.
Ohne Realitätscheck basieren Big-Bang-Projekte auf Annahmen, die sich im Live-Betrieb rächen.
Sanfte Migration akzeptiert diese Realität und löst Risiken schrittweise statt auf dem Papier.
Auswirkungen & Risiken – Was Big-Bang-Projekte auslösen
Risiko 1 – Produktionsstillstand und Prozessabbrüche
Ein Big Bang bündelt sämtliche Abhängigkeiten auf einen Zeitpunkt.
Wenn nur eine Kleinigkeit nicht funktioniert:
Auftragsbearbeitung steht
Fertigung verzögert sich
Fehlerquoten steigen
Kunden sind unzufrieden
Viele Unternehmen wollen dieses Risiko nicht tragen – zu Recht.
Risiko 2 – Überforderung der Mitarbeitenden
„Ab Montag gilt alles neu“ ist kein Change-Management, sondern Überlastung.
Big-Bang-Projekte erzeugen:
Unsicherheit
Fehlbedienungen
geringe Akzeptanz
Sanfte Migration arbeitet dagegen mit Lernfenstern, Mini-Go-Lives und Begleitung, die Sicherheit schaffen.
Risiko 3 – Fehlentscheidungen durch fehlende Echtdaten-Tests
Demos sind Showcases – keine Realität.
Ohne PoC:
bleibt unklar, ob das ERP echte Abläufe abbildet
beruhen Entscheidungen auf idealisierten Beispielen
werden Risiken nicht sichtbar
Sanfte Migration verbessert dies grundlegend: Echtdaten → echte Entscheidungen.
Praxisbeispiel – Warum ein Big-Bang-Projekt scheitern würde
Ausgangslage & Probleme
Ein mittelständischer Fertiger sollte ein 18 Jahre altes ERP-System ablösen. Die IT-Landschaft: Excel, Access, Insellösungen, Sonderlogiken.
Ein Big Bang schien „effizient“, doch die IT-Leitung lehnte ab:
Zu viele Abhängigkeiten, zu wenig Transparenz, zu riskant.
Die Lösungsschritte
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Prozessvisualisierung – erstmals transparenter End-to-End-Prozess
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PoC mit Echtdaten – Sonderlogiken real überprüft
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Parallelbetrieb – Altsystem & neues ERP mehrere Monate nebeneinander
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Mini-Go-Lives je Abteilung
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laufende Anpassungen statt starrem Projektplan
Ergebnis & Lerneffekte
Das neue System lief nach acht Monaten vollständig – ohne einen einzigen Tag Stillstand.
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Excel-Schattenprozesse verschwanden
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Sonderlogiken wurden stabil integriert
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Mitarbeitende fühlten sich sicher
Die wichtigste Erkenntnis:
Nicht die Komplexität ist das Problem – sondern die Illusion, sie im Big Bang zu beherrschen.
5 Prinzipien für risikoarme ERP-Transformation
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Integration vor Ablösung
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Visualisierung vor Digitalisierung
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Echtdaten statt Annahmen
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Mini-Go-Lives statt Stichtag
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Prozesslogik vor Systemlogik
Checkliste – Ist ein Big-Bang-ERP realistisch?
Fragen Sie sich:
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Sind Prozesse stabil und dokumentiert?
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Nutzen Sie Excel für kritische Schritte?
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Haben Sie Sonderprozesse, die kein Standard sauber abbildet?
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Können Sie 24 Stunden Produktionsstopp verkraften?
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Verstehen Mitarbeitende alle Abläufe klar und einheitlich?
Wenn Sie zweimal gezögert haben:
Ein Big Bang ist äußerst riskant.
Schritt-für-Schritt-Anleitung für die sichere Alternative
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reale Prozesse sichtbar machen
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PoC mit Echtdaten durchführen
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Parallelbetrieb sicherstellen
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Mini-Go-Lives festlegen
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laufend erweitern und stabilisieren
Big-Bang-ERP-Projekte scheitern nicht, weil Unternehmen unfähig wären – sondern weil sie für gewachsene Strukturen ungeeignet sind.
Wer mit Excel, Sonderlogiken oder komplexen Abläufen arbeitet, braucht einen Ansatz, der Risiken kontrolliert statt bündelt.
Die sanfte Migration bietet:
Klarheit
Sicherheit
Transparenz
Veränderung im laufenden Betrieb
Wenn Sie wissen möchten, warum der Big Bang in Ihrer Organisation kaum funktionieren kann – und wie Sie Risiken effektiv auf Null reduzieren – sollten wir miteinander sprechen.


